Sudbury Schule Ammersee

Schüler lassen sich das Lernen nicht verbieten

Von Simone Kosog

Reichling/Ludenhausen – Nachdem die Regierung ihre Schule geschlossen hat, unternimmt die Schulgemeinschaft alles, um möglichst bald wieder eröffnen zu können. Bis dahin trifft sie sich privat, manche bereiten sich sogar auf den Quali vor.

Im Eingangsbereich der Sudbury Schule Ammersee stehen noch die Plakate von der Demo.  „Wir lieben unsere Schule!“ steht da, oder „Ja zu demokratischen Schulen in Bayern!“

Am ersten Schultag hatten Schüler, Eltern, Mitarbeiter und Unterstützer vor dem Kultusministerium protestiert: gegen die Schließung ihrer Schule, an der die Schüler zwei Jahre lang selbstbestimmt und nach demokratischen Strukturen gelebt und gelernt hatten – und glücklich waren. Angeblich, so der Vorwurf der Regierung, würde hier nicht genug gelernt.

Jetzt, im zweiten Monat nach dem Schock, ist das Schulhaus in Ludenhausen voller Leben und man fragt sich, wie das sein kann: Im Atelier malen zwei Mädchen mit Plakafarben, eine jüngere Schülerin schreibt nebenan konzentriert Buchstaben in ein Heft, andere spielen Karten, ein Mädchen pflanzt ein Avocadobäumchen, eine Gruppe Jugendlicher beschäftigt sich mit Prozentrechnung. Letztere hatten geplant, am Ende des Schuljahres ihren „Quali“  zu machen – und lassen sich auch jetzt nicht davon abhalten.

Dies alles geschieht seit der Schließung freiwillig in privaten Zusammenkünften an drei Nachmittagen pro Woche – die Ironie kann kaum übersehen werden: Dass, was laut Regierung zu wenig passiert, nämlich das Lernen, tun die Schüler aus eigenem Antrieb weiter, obwohl sie gar nicht müssten. An manchen Nachmittagen kommen bis zu 30 der zuletzt 45 Schüler, manche lassen sogar ihr Fußballtraining oder andere Termine sausen. „Die Schule ist mir wichtiger“, sagt mit Nachdruck der 14-jährige Christian. Andere machen an den Nachmittagen die Hausaufgaben für ihre neuen Schulen – denn die Schulpflicht können sie an der Sudbury Schule zurzeit nicht erfüllen.

Vorstandsmitglied Monika Wernz überrascht das Engagement der Schüler nicht. Sie sagt: „Wir sind zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen! Die Schüler können hier ihren individuellen Interessen nachgehen. Niemand übt Druck aus.“

Dabei ist ihr wichtig zu betonen, dass Lernen im Sudbury-Kontext viel mehr bedeutet,  als nur Fachwissen zu erwerben. Monika Wernz: „Zum Beispiel sich selbst kennenzulernen, Muße zu haben, zu spielen, zu diskutieren. Für uns ist nicht nachvollziehbar, dass solche Aspekte immer noch so wenig beachtet werden!“

Für die Schulvertreter ist offensichtlich, dass die Gründe für die Ablehnung vorgeschoben sind und viel mehr die persönliche Abneigung eines Regierungsvertreters sowie die mangelnde Auseinandersetzung mit dem Konzept ausschlaggebend waren.

Auch zahlreiche Experten stellen sich mit Nachdruck hinter die Sudbury Schule, darunter Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayrischen Lehrerverbandes, und die renommierten Bildungsforscher Ulrich Klemm und Gregor-Lang-Wojtasik.

Die Schulvertreter hoffen nun, dass ihre Beschwerde gegen die Ablehnung des Eilantrags Erfolg hat und sie möglichst bald zumindest vorübergehend wieder eröffnen können. Bis zum Hauptverfahren hingegen kann es noch dauern.

Weiterhin findet jeden Abend eine Mahnwache statt, Unterstützer haben eine Petition gestartet, andere Geld gespendet. Auch aus der Politik kommt Hilfe und der israelisch-deutsche Filmemacher Emanuel Rund setzt sich für die Schule ein. Und die Schüler und Mitarbeiter planen ihre nächste Aktion vor dem Kultusministerium. Es soll darum gehen, verborgene Talente zu zeigen.

Trotz allem Kämpfergeist ist die aktuelle Situation für viele Schüler eine große Herausforderung, zumal die Sudbury Schule für viele die erste Schule war, an der sie sich sicher und angenommen fühlten. Da ist jetzt auch viel Verunsicherung, Traurigkeit und immer noch Fassungslosigkeit.

(www.sudbury-schule-ammersee.de)