Lust auf Natur

Mit Gartenarbeit den Alltag vergessen

Von Sigrid Schorten

Landsberg/Starnberg/Weilheim – Einen eigenen Garten gestalten. Noch nie war das Bedürfnis nach Rupfen, Zupfen, Pflanzen und Graben so ausgeprägt wie heute. Tendenz steigend. Galt noch vor einigen Jahren die Gartenarbeit vor allem bei jüngeren Leuten als bieder, spießig und piefig, so ist heute für immer mehr Menschen das Werkeln im eigenen Garten ein willkommener Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit. Gartenarbeit liegt im Trend, ein rückgratverkrümmendes Hobby, das immer mehr faszinierte Anhänger findet, die ab März mit Spaten und Gießkanne in den Startlöchern stehen, um ihrer schöpferischen Kraft freien Lauf zu lassen. „Gardening” heißt das englische Zauberwort, in dem Plackerei, Anstrengung und Langeweile nicht existieren, sondern Gartenarbeit etwas mit Lust und Sinnlichkeit, Stolz und Schönheit zu tun hat. Gespräche über Regenwürmer, Komposthaufen, Schnecken und natürliche Düngemittel wie Pferdeäpfel sind dabei längst salonfähig geworden.
Und während über teure Lebensmittel, überhöhte Energiekosten und Sparmaßnahmen auch im privaten Haushalt geklagt wird, scheuen die Gärtner aus Leidenschaft keine Kosten, wenn es um die Verwirklichung des grünen Zeitgeistes geht. Immerhin geben deutsche Gartenfans jährlich über 15 Milliarden Euro für ihre Lust am Pflanzen und Ernten aus, den Österreichern ist das Vergnügen immerhin rund 560 Millionen Euro wert und auch die Gartenbaubranche in der Schweiz boomt. Damit auch eingefleischte Städter möglichst wenig falsch machen, überfluten jedes Jahr Hunderte Neuerscheinungen aus dem Gartenbereich den Büchermarkt.
Eine Ursache für die Begeisterung an der Gartenarbeit ist sicherlich das Bedürfnis, unserem stressgeplagten Alltagsleben zu entfliehen. Umgraben, Jäten und Unkrautzupfen erfordern die volle Aufmerksamkeit, lenken ab und besänftigen. „Wohl nichts anderes auf der Welt hat eine so beruhigende Wirkung und macht so zufrieden wie das Gärtnern: jene körperliche Betätigung, die den Geist beruhigt und den Deltamuskel stählt …”, philosophierte Charles Dudley Warner in seinem Buch „Mein Sommer in einem Garten”. Mit jedem Spatenstich schrumpfen die Probleme und mit jedem Atemzug versorgen wir unser Hirn mit Sauerstoff und hellen unsere Stimmung auf. Und wenn nach getaner Gartenarbeit der Rücken schmerzt, die Hände rissig und die Knie aufgeschrammt sind, erträgt man den Schmerz mit einem Lächeln und der Gewissheit, dass sich die Mühe gelohnt hat, wenn die Saat aufgeht. Mancher Hobbygärtner betreibt seine Gartenarbeit so intensiv, dass er sich selbst mit Biogemüse versorgen kann und stolz auf seine Unabhängigkeit von der Lebensmittelindustrie ist. Anderen reicht der Duft der selbstgezogenen Rosen, um glücklich zu sein.
Glück ist sicherlich auch ein Schlüsselwort für die Leidenschaft an der Gartenarbeit. Schließlich wurde die Menschheit ihres Glückes beraubt, als sie aus dem Garten Eden vertrieben wurde. So wäre es nur natürlich, dass sie sich ein Stück vom Paradies zurückholen möchte und sich mit eigenen Händen ein besonderes Fleckchen Erde gestaltet . ein Schöpfungsakt in Miniaturausgabe.